Mittwoch, 12. April 2006
Zum Spiegel-Artikel: „Kabarett: Der Papst zieht immer“
Dieser Artikel über das Kabarett in Deutschland hat mich nachdenklich gemacht. Nicht, weil er so "kritisch" ist. Sondern, weil er an einigen Stellen genauso an der Realität vorbeigeht wie das in ihm beschriebene Kabarett. Zustimmen kann man dem, daß es sich - wie in vielen Branchen - die Leute einfach zu leicht machen. Einfach den Namen "Merkel" in den Raum zu schmeißen und damit einen Lacher zu kassieren oder im Zweifel auch noch auf etwas so staatstragendes wie ihre Frisur einzugehen ist für Kabarett definitiv ein bißchen wenig.

Auf der anderen Seite - und das soll weiß Gott keine Entschuldigung sein - wollen viele Kabarettisten vielleicht einfach, um sich selbst besser zu fühlen, Lacher haben. Und die kriegt man - da können Sie meinen Erfahrungen vertrauen - nur in sehr wenigen Fällen mit wirklich bösen Themen. Was uns eine schöne Überleitung zu meiner Kritik an dieser Kritik des Kabaretts bringt: Es GIBT Leute, die böse Sachen machen (Guantanamo, Terrorismus, Fahrradbomben, Folter), aber glauben Sie bitte nicht, daß man damit sonderlich erfolgreich ist. Daß man damit volle Häuser hat, sich die Sporttaschen aus den beschriebenen Sporthallen voll Geld stopfen kann. In was für einer Scheinwelt hat der Autor des Artikels denn da bitte seine Recherchen angestellt.

Gut, man kann sagen: Mich kennt keine Sau, also muß ich mich nicht wundern, wenn ich vor 3 bis 9 Leuten auftrete. Aber hey, DIE haben gesagt, Kabarett füllt Säle, DIE haben das behauptet und da muß ich denen leider sagen, daß das - zumindest hier in Köln - so weit von der Realität entfernt ist wie man überhaupt nur sein kann!

Das Publikum will lachen... ja, genau. Das Kabarettpublikum - und das ist auch so ein Problem - ist da in den meisten Fällen nicht besser. Gut, hier kann man jetzt wieder einwänden, daß ich vielleicht einfach schlecht bin. Aber ich habe beim Niederrheinischen Kabarettpreis gespielt und trete öfter in der Reihe "Escht Kabarett" auf und ernte bei beidem mit meinen bösen Texten zu bösen Themen dieser Welt regelmäßig Schweigen. (Was komischerweise in Aschaffenburg hervorragend funktioniert hat, also ist das Publikum dort vielleicht anders? Nicht so aufgeweicht wie in der Domstadt? Auch offener für makaberen schwarzen Humor in britischer Tradition?)

Also wirft der Artikel den Kabarettisten vor, daß sie lieber etwas machen, wobei sie vom Publikum auch etwas zurückbekommen (Lacher, nicht die Säcke voll Geld, die Sie erwähnen!)? Okay, da kann ich nicht ganz widersprechen. Eins sollte man niemals machen: Sich dem anpassen, von dem man glaubt, daß es das Publikum hören will. Denn dann ist es aus mit Originalität, Kritik und Bissigkeit.

Tjaaaa, also, meine Frage ist demnach... wo krieg ich jetzt meine Turnhalle voll?

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